Selbstfahrende Fahrzeuge: die schöne neue Welt der Mobilität?!

von  Dr. Hendrik Koch


Spätestens seit der letzten CES in Las Vegas und den Auftritten der Vertreter von Audi, Daimler, BMW und Co. wird deutlich, dass das Thema selbstfahrende Autos oder „autonomous driving“ aktuell einen starken technologischen und medialen Hype erfährt. Die aktuellen Aktivitäten von der selbstfahrenden elektronischen Limousine aus dem Hause Daimler über die autonomen Anreise eines BMW i3 von Kalifornien nach Las Vegas zur CES bis zur Ankündigung von Google eine Testflotte von 150 selbstfahrenden Fahrzeugen produzieren zu lassen, zeigen es bewegt sich langsam wirklich etwas in Richtung Anwendungsfälle für den Massenmarkt. Die potenziellen Anwendungsfelder leistungsfähiger Computer in Kombination mit hoch innovativer Sensorik und Telematiklösungen scheinen im selbstfahrenden Auto den Schritt vom technisch Machbaren zur marktreifen Technologie zu machen.

 

Schon gibt es Überlegungen beim Carsharinganbieter Car2go einen Pilotversuch mit selbstfahrenden Carsharingfahrzeugen in Kalifornien zu starten und der Versicherungskonzern Allianz denkt über die Einführung neuer Versicherungstarife für Autos nach, die auch eigenständig fahren können.

 

Doch was bedeutet das für die Welt der Mobilität und wie wird sie sich verändern?

 

Die Anwendungsfälle durch selbständigfahrende Fahrzeuge sind vielfältig, im (privaten) Individualverkehr genauso wie im öffentlichen Verkehr. Private Autos, die selbständig im Parkhaus parken, uns nachts bei Bedarf abholen oder in Kolonnen effizient auf Autobahnen fahren, alles scheint auf einmal möglich. Vor allem in Kombination mit der Digitalisierung von Dienstleistungen im Bereich Information, Buchung und Zugang scheint nun die vernetzte, multimodale, geteilte Mobilität keine Utopie mehr. Per Smartphone-georderte selbstfahrende Taxen und Carsharingfahrzeuge, die ggf. kostengünstig mit weiteren Fahrgästen geteilt werden,  oder bedarfsorientierte Minibusse, die ohne Linien-, Haltestellen und Fahrplan, flexibel und autonom den Nutzer von A nach B bringen, könnten viele aktuelle Defizite urbaner Mobilität lösen.

 

Die Implikationen für diese neue Welt der Mobilität scheinen offensichtlich:

  • Die Grenzen zwischen Individualverkehr und öffentlichem Verkehr verwischen mehr und mehr: Dies wird privaten Autobesitz besonders in Großstädten noch viel stärker obsolet macht. Wenn noch ein Auto im Haushalt aus Bequemlichkeit oder Komfortgründen benötigt wird, ein 2. oder 3. Wagen erscheinen absolut überflüssig.
  • Der Verkehr wird verlagert und dadurch effizienter: Der Besetzungsgrad in Fahrzeugen steigt. Weniger Privatautos bedeuten gleichzeitig weniger Emissionen, weniger Ressourcenbedarf, geringerer Flächenverbrauch und vieles mehr.
  • Der Verkehr wird sicherer: Weniger übermüdete, abgelenkte, unkonzentrierte oder aus anderen Gründen beeinträchtigte Menschen hinter dem Steuer machen Fehler im Verkehr oder fahren schlicht zu schnell.
  • Der Verkehr wird komfortabler: Die Zeit "hinter dem Steuer" kann für andere Dinge verwendet werden. Seien es Lesen, Essen, Arbeiten, Ausruhen, soziale Medien oder ein Gespräch mit den Mitfahrern im geteilten Selbstfahrtaxi oder Carsharingauto.

 

Welche Hürden sind noch zu überwinden, um diese Veränderungen zu realisieren?

 

Um die genannten Veränderungen in der schönen neuen Welt der Mobilität zu ermöglichen, sind jedoch aktuell noch einige Probleme zu lösen. Dies umfasst neben technischen Herausforderungen, rechtliche Aspekte und vor allem Fragen zur Akzeptanz selbstfahrender Fahrzeuge durch die potenziellen Nutzer.

 

Im technischen Bereich ist die Frage, wie schnell die positive Erfahrungen in der Anwendung autonomer Autos im Bereich der Langstrecken- und Überlandfahrten sich eins zu eins auf die hochkomplexen verkehrlichen Anforderungen im Stadtverkehr mit einem Wirrwarr an Fahrspuren und Verkehrsteilnehmern (neben anderen Autos auch Busse, Bahnen, Radfahrer, Fußgänger mit Kinderwagen oder Kindern ggf. auf Rollern, Skateboards oder Rollschuhen) übertragen lassen? Der Fahrer eines Autos weiß z.B., dass in bestimmten Wohngebieten oder an neuralgischen Punkten in der Nähe von Schulen oder Kindergärten eine hohe Wahrscheinlichkeit herrscht, dass spielenden Kinder zwischen Autos auftauchen und ist daher besonders wachsam bzw. vorsichtig. Wie wird dieses individuelle Erfahrungswissen durch computergesteuerte Fahrzeuge abgebildet? Im Kontext der aufkommenden Car-to-Car Kommunikation ist es notwendig, dass alle autonomen Fahrzeuge über entsprechende standardisierte Systeme miteinander kommunizieren, um Kollisionen zu vermeiden und auf Gefahrensituationen im Verkehr (Nässe, Glatteis, Hindernissen etc.) zu reagieren. Wenn alle Fahrzeuge autonom fahren und diese Systeme zwangsweise nutzen, ergibt sich ein Netzwerkeffekt, der insgesamt die Sicherheit erhöht. Was passiert aber, so lange noch ein gewisser großer oder kleine Anteil an "dummen" Fahrzeugen im Straßenverkehr unterwegs ist, der ggf. auch noch von irrational agierenden Fahrern gelenkt wird?

 

Im Kontext rechtlicher Fragestellungen ist eine Regelung zu finden, wie autonome Fahrzeuge für den Straßenverkehr zugelassen werden können und welche Anforderungen zur (regelmäßigen) Überprüfung der technischen Zuverlässigkeit im Vergleich zu konventionellen Fahrzeugen notwendig sind. Was heißt dies z.B. für die Kfz-Steuer oder die Regelungen zur HU von solchen Fahrzeugen? Ebenfalls ist die Frage der Haftung bei Unfällen sehr elementar. Liegt diese beim Halter oder primär beim Hersteller? Die Anzahl von (tödlichen) Unfällen lässt sich sicherlich minimieren, aber nicht vollends reduzieren. Wer haftet nun für die Schäden und welche Versicherungen sind weiterhin für wen notwendig?

 

Mit den Fragen der Haftung sind daher auch viele Fragen der Akzeptanz durch den Nutzer verknüpft. In diesem Zusammenhang sind viele Aspekte nicht primär technische oder rechtliche Fragen, sondern eher in Dimensionen von Ethik und Verantwortungsbereitschaft zu sehen. Wenn durch autonome Fahrzeuge die Wahrscheinlichkeit tödlicher Unfälle stark sinkt, lässt man diese dann zu, auch wenn Sie in Einzelfällen andere Verkehrsteilnehmer töten? Bin ich als Halter bereit die Verantwortung für die Schäden durch mein autonomes Fahrzeug zu tragen, auch wenn ich die Steuerung einem Computer überlasse? Selbst wenn dies der Großteil der Nutzer akzeptiert, bleibt ggf. die mentale Blockade und die Frage, kann ich neben den Händen vom Lenkrad auch meine Aufmerksamkeit vollständig vom Verkehr wegnehmen? Falls nein, ist der Nutzen wesentlich geringer als angenommen. Grundsätzlich ist aktuell noch unklar, inwiefern sich Menschen z.B. über die Steuerung von Fahrzeugen von Computern in Ihrem Handeln dominieren lassen. Dies ist immer eine individuelle Abwägung von Selbstbestimmtheit vs. Bequemlichkeit/Komfort. Hier werden die Präferenzen der Nutzer in Summe eher nicht vollends einheitlich sein. Gewisse Nutzergruppen werden dies ablehnen. Auch mag es in Bezug auf die Nutzerakzeptanz Menschen geben, die in den meisten Fällen Spaß am Autofahren haben und daher das Fahren nur in Einzelfällen aufgeben würden und dies einem Computer überlassen.

 

Was bleibt nun von der schönen neuen Welt der Mobilität übrig?

 

 

All die genannten Aspekte müssen im Kontext computergesteuerte Fahrzeuge zu 100% gelöst werden bzw. bezüglich der Nutzerpräferenzen sich in gewisse Richtungen verschieben, um die immensen Erwartungen durch autonomes Fahren zu erfüllen. Hier ist sicherlich viel Optimismus notwendig, um dies zum heutigen Zeitpunkt uneingeschränkt zu erwarten.

 

Es können durch autonomes Fahren aber viele neue, intelligente und sinnvolle Mobilitätslösungen entstehen. Ebenso wie die Elektromobilität ist es jedoch kein universelles Allheilmittel, welches den Übergang in eine neue Welt effizienterer, nachhaltiger und besserer Mobilität so schnell ebnen wird. Die selbstfahrenden Autos werden zeitnah auf unseren Straßen erscheinen, sofern Sie in Summe etwas sicherer sind als durch „Menschenhand-gesteuerte“ Fahrzeuge. Sie werden aber nur ein Baustein unter vielen anderen sein, um die Mobilität der Zukunft nachhaltiger abzuwickeln als dies heute der Fall ist.





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